Stroh im Schweinestall: Fluch oder Segen?
Die Mastschweine liegen gemütlich im Stroh, die Sau baut vor der Geburt ihr Nest und ein Ferkel spielt mit einem Strohhalm. Diese Bilder sind aus der Schweizer Schweinehaltung nicht mehr wegzudenken. Eine artgerechte Schweinehaltung erfordert geeignetes Einstreumaterial. Dadurch wird das natürliche Verhalten der Schweine gefördert. Die Optimierung des Tierwohls bringt aber auch viele Herausforderungen mit sich.
Mangelnde Qualität – grosse Probleme
Die grösste Schwierigkeit liegt darin, Stroh in ausreichender Qualität im Stall zu haben. Bei der Keimbelastung von Stroh muss zwischen Feld- und Lagerpilzen unterschieden werden. Problematisch sind die Pilze insbesondere aufgrund ihrer giftigen Stoffwechselprodukte, der Mykotoxinen. Die am weitesten verbreiteten Mykotoxine Deoxynivalenol (DON) und Zearalenon (ZEA) werden beide von Fusarien-Feldpilzen gebildet. Beide Toxine verursachen bei ausreichend hoher Belastung erhebliche Probleme im Schweinestall. Muttersauen und Remonten sind besonders empfindlich gegenüber ZEA. Das Mykotoxin beeinflusst den Hormonhaushalt, was zu Aborten, Umrauschern und kleinen Würfen führen kann. DON verursacht hingegen unabhängig von der Altersklasse Probleme. Dieses Toxin führt zu unspezifischen Symptomen: Der Darm wird geschädigt, die Schweine fressen weniger und die Futterverwertung nimmt ab. Hohe DON-Belastungen führen zudem zu häufigem Erbrechen.

Vorbeugung auf dem Feld – bereits vor der Ansaat entscheidend
Durch gezielte Massnahmen im Getreideanbau kann das Risiko eines Befalls mit Feldpilzen gesenkt werden. Dabei ist die Wahl einer möglichst wenig anfälligen Sorte gegenüber Fusarien zentral. Ebenso von grosser Bedeutung sind die Fruchtfolge und die Anbautechnik. Verschiedene Feldversuche zeigen einen erhöhten Befall mit Fusarien bei Getreide, wenn zuvor Mais angebaut wurde. Besonders problematisch ist der Anbau von Getreide nach Mais bei reduzierter Bodenbearbeitung. Wird diese Variante aus agrarpolitischen Gründen gewählt, ist die Sortenwahl entscheidend.
Strohernte: Wetterbedingungen als zentraler Faktor
Zur Vorbeugung einer Belastung mit Lagerpilzen spielt die Ernte des Strohs eine bedeutende Rolle. Ist das Wetter nach dem Dreschen schlecht, liegt das Stroh länger auf dem Feld, wodurch die Qualität abnimmt. Das Stroh sollte beim Pressen möglichst wenig Restfeuchtigkeit aufweisen, idealerweise weniger als 14 Prozent. Damit dies erreicht wird und keine Feuchtigkeitsnester entstehen, lohnt es sich, das Stroh mindestens einmal zu wenden. Zudem kann der Einsatz von Säuren beim Pressen sinnvoll sein. Meistens wird Propionsäure verwendet. Dadurch kann die Keimbelastung deutlich reduziert werden. Die Schweine mögen jedoch den Geschmack, weshalb von säurebehandeltem Stroh oft mehr gefressen wird.

Lagerdauer: Wartezeit lohnt sich
Grundsätzlich ist Stroh abgestorbenes Pflanzenmaterial. Dabei finden verschiedene Abbauprozesse statt. Da Lagerpilze besser an die vorherrschenden Bedingungen angepasst sind, nehmen sie zunächst zu, während die Feldpilze gleichzeitig abnehmen. Wurde qualitativ gutes Stroh geerntet, sinkt die Keimbelastung folglich mit der Zeit (Grafik 1). Dies geschieht jedoch erst, nachdem die entsprechenden Abbauprozesse stattgefunden haben. Ein Versuch der Firma AGRAVIS aus Deutschland zeigt diese Prozesse anhand eines Temperaturanstiegs der Strohballen während der ersten Lagertage (Grafik 2). Dadurch nimmt die Keimbelastung anfangs häufig noch zu. Deshalb ist eine Wartezeit von mindestens einem Monat bis zum ersten Einsatz des frischen Strohs wichtig. Andernfalls ist das Risiko für Probleme wie Aborte oder Umrauscher erhöht.
Damit das Stroh im Schweinestall nicht zum Fluch wird, muss die Qualität ausreichend gut sein. Werden die genannten Punkte beim Anbau, bei der Strohernte und während der Lagerung berücksichtigt, sind die Voraussetzungen günstig. Dann braucht es vor allem noch eines: Wetterglück!


